Paul Hindemith war einer der vielseitigsten Musiker aller Zeiten. Als bedeutender Instrumentalkomponist des 20. Jahrhunderts war er zugleich Multiinstrumentalist, professioneller Bratschist, Professor (unter anderem an der Yale University) und Meistertheoretiker, der zahlreiche Texte verfasste, die auf seiner umfassenden musikalischen Auffassung basierten. Obwohl ein Großteil seiner Musik die Vielfalt der Techniken des 20. Jahrhunderts erforscht, ist Hindemiths Musik im Wesentlichen tonal, melodisch und kunstvoll gestaltet. Ein umfangreiches Werk an exzellenten Kompositionen für eine erstaunlich breite Palette an Instrumentalensembles kennzeichnet Hindemith in erster Linie als Kammermusikkomponisten.
Hindemith komponierte das Quintett für Klarinette und Streichquartett op. 30 im Jahr 1923, als er 28 Jahre alt war. Das Quintett ist relativ kurz, aber von wunderbarer Dichte und Vielfalt. Es dauert etwa 18 Minuten und besteht aus fünf Sätzen, die selbst für Mozarts Verhältnisse Miniaturen sind. Doch es handelt sich hierbei keineswegs um eine zusammenhanglose Suite. Es bestehen außergewöhnliche Verbindungen zwischen den Sätzen, die das Werk zu einer integrierten, kohärenten Einheit formen, in der die formale Struktur der klassischen Meister unterschwellig präsent ist. Das gesamte Werk besticht durch eine reiche Melodik, die einfach stimmig ist.
Das Quintett beginnt mit einem kraftvollen, motorischen Thema: einem fünftönigen Motto, das verwandte thematische Variationen und Permutationen im gesamten Werk hervorbringt. Wie Säulen, die ein symmetrisches Gebäude rahmen, sind der erste und der letzte Satz miteinander verbunden. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass der letzte Satz exakt der erste Satz in umgekehrter Reihenfolge ist. Fachsprachlich als retrograde oder krabbenartige Bewegung bezeichnet, ist es der erste Satz, rückwärts gespielt. Der langsame Satz folgt als zweiter. Ruhig und besinnlich erhebt er sich ohne Pause aus dem ersten Satz mit einem geschmeidigen Thema im Cello. Jeder der Musiker setzt nacheinander ein und imitiert das Thema in der Art eines Kanons oder einer Fuge. Die Klarinette bleibt zunächst im Hintergrund und entfaltet bei ihrem Einsatz eine kraftvolle Wirkung. Die Musik zeichnet sich durch die Verlangsamung und Ausdehnung des Klarinettenthemas (bekannt als Augmentation) aus, die auf magische Weise vom Thema in normalem Tempo der Streicher begleitet wird.
Der Mittelsatz dient als Scherzo, in diesem Fall mit dem augenzwinkernden Titel „Schneller Ländler“, einem schnelleren Ländler. Der Ländler ist ein österreichischer Volkstanz im gemäßigten Dreiertakt, der seinem schnelleren Verwandten, dem Walzer, vorausging. Hindemith entfaltet eine Art wirbelnden Derwisch, einen fantastischen Traum aus Ländlern, Walzern, Volksweisen und Drehorgelspielern in einem farbenprächtigen, energiegeladenen Schwung. Das kurze Arioso bildet einen überraschenden Kontrast und eine Oase der Ruhe. Exotisch, sinnlich und geheimnisvoll singt eine einzelne Violine eine schaurige Bitte, einen Sirenengesang aus einer anderen Welt. Drei schlichte, schmucklose Beschwörungen der Klarinette unterstreichen die Einzigartigkeit dieser geheimnisvollen Oase der Stille. Der musikalisch fernste Punkt des gesamten Quintetts, dessen Zauber nur kurz verweilt, bevor der schrille Anfang, rückwärts abgespielt, zum Ende wird. Dies ist Musik, die sich selbst im Spiegel betrachtet.
Feedback sturen