Dieses geisterhafte Stück zählt zu den ernsthaftesten Kammermusikwerken Brittens. Er entlockt der Bratsche eine Klangfülle, die den silbrigen Klang des Instruments zur Geltung bringt. Von Beginn an, wenn die linke Hand des Klaviers feierlich Downlands Thema wie einen Gesang intoniert, schwebt die Bratsche darüber, ihre Doppelgriffe erinnern an einen unruhigen Vogel.
Einige der langsameren Passagen – insbesondere in dieser Fassung für Bratsche und Klavier – verweisen nicht auf zukünftige englische Musik, sondern auf die Klangfarben osteuropäischer Komponisten wie Gubaidulina, Górecki und Arvo Pärt. Der plötzliche Ausbruch des Klaviers in Oktaven der linken Hand, der die sechste Reflexion (Appassionato) einleitet, ist ein eindeutiger Beweis dafür, ebenso wie der unheimliche Klang der kalten rechten Hand des Klaviers, der in der zehnten Reflexion (Lento) langsam mit den Obertönen der Bratsche verschmelzen lässt.
Das Wechselspiel der beiden Instrumente wirkt hier unheimlich und bietet keinerlei Trost, besonders mit dem Einsetzen der dringlichen Tremoli des vorletzten Abschnitts (L’istesso tempo). Doch dann stellt sich eine Erlösung ein, und Dowlands Thema erklingt in seiner vollen Pracht. Das Stück findet eine Auflösung, die niemals möglich gewesen wäre, hätte Britten mit dem Thema selbst begonnen. So wird „Lachrymae“ nicht nur zu einem zutiefst emotionalen Ausdruck, sondern auch zu einer meisterhaften Neuinterpretation einer sehr vertrauten Form.